
Reisebericht 2026
„Geographische Studienreise nach Kenia (März–April 2026)“
Jambo! Karibu! – Hallo! Herzlich willkommen! Bereits am Flughafen in Nairobi werden wir mit diesen Worten begrüßt. Dass uns dieses herzliche Willkommen in den folgenden zwei Wochen täglich begleiten wird, ist uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Sobald sich ein fragender Blick auf unseren Gesichtern zeigt, sind Kenianerinnen und Kenianer zur Stelle und helfen uns. Wir sind beeindruckt von dieser großen Hilfsbereitschaft.
Wir – das sind drei Gymnasiallehrkräfte aus Braunschweig und Wolfsburg – werden im Rahmen von Wasser für Kenia e. V. neun Schulen besuchen, die mithilfe von Sponsorenläufen und Spenden Gelder für den Bau von Wassertanks, Farmponds, Schulgärten und Schulküchen erhalten haben. Weiterhin steht der Besuch eines in der Bauphase befindlichen Sanddamms auf dem Programm, der – ebenfalls von Schulspenden finanziert – zur Bewässerung in der Landwirtschaft für 400 Familien beiträgt.
Die Fahrt nach Wote im County Makueni im Südosten Kenias ist eindrucksvoll: Die hügelige Landschaft ist durch die in diesem Jahr bereits sehr früh einsetzende Regenzeit sattgrün, ein nicht unbedingt typisches Bild für diese Region in den wechselfeuchten Tropen. Seit 2018 hat es klimabedingt keine andauernde, zuverlässige Regenzeit mehr gegeben. Bei den diesjährigen hohen Niederschlagsmengen hat es bedauerlicherweise sogar viele Tote gegeben, besonders in der Hauptstadt. Überall sieht man Terrassenfeldbau, Viehwirtschaft, Streusiedlungen und kleine Farmen. Und stets sind die Menschen zu Fuß unterwegs: auf den Straßen, neben den Straßen, gemeinsam mit Zebu-Rinderherden und Ziegen.
Die Ankunft in Wote ist zunächst etwas trügerisch: eine mittelgroße Stadt, doch ein klassisches Zentrum sucht man vergeblich. Ein Supermarkt mit angeschlossener Haushalts- und Möbelabteilung ist jedoch, ähnlich wie die Märkte, ein zentraler Treffpunkt für die Menschen.
Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung
Begleitet und unterstützt werden wir in dieser Woche von Mary Mutua und Benson Kimote. Benson arbeitet für ADSE (Anglican Development Services Eastern) – der ausführenden Organisation von Seiten Kenias. Mary ist Lehrerin für das Fach Landwirtschaft und damit verantwortlich für die nachhaltige Bewirtschaftung der Schulgärten zur Gewährleistung einer Mahlzeit für die Kinder. Eine extrem wichtige Aufgabe im Kampf gegen den Hunger und als kleiner Beitrag gegen den Klimawandel, der sich in Form von Dürren mehr und mehr abzeichnet. In den letzten Jahren war das Problem des Hungers ein existenzielles für äußerst viele Kinder und Jugendliche.
Wir bewegen uns mit allradtauglichen Fahrzeugen auf durchweichten Naturstraßen durch das Farm- und Buschland im Umkreis der Ortschaft Kalawa. Das Dorf liegt 32 km von Wote entfernt, eine Strecke, für die man mit dem Auto hier rund eine Stunde benötigt. Wir erfahren, dass nur etwa 20 % der Bewohner Zugang zu Strom in ihren Haushalten haben. Viele nutzen Photovoltaik. Für das Aufladen von Handys gibt es sogenannte Mobile Charge Shops, in denen man sein Handy für etwa 20 Kenia-Schilling (ca. 13 Eurocent) aufladen kann.
Doch nicht nur das Leben der Menschen beeindruckt uns, auch die Natur mit ihren zahlreichen Mango- und Papayabäumen sowie den Sisalpflanzen am Straßenrand, deren robuste Fasern für Teppiche, Körbe und Seile genutzt werden. Besonders eindrucksvoll ist der Baobab-Baum: Er speichert Wasser in seinem Stamm und kann so in der Trockenzeit Blätter ausbilden, während er in der Regenzeit wenig oder kein Laub trägt. Seine Früchte, Mabuyu, werden mit Lebensmittelfarbe überzogen und als Süßigkeit verkauft und gegessen.
Begegnungen in den Schulen
Nach einer durchregneten Nacht ist der River Kaiti so stark angestiegen, dass die Brücke als Zufahrt zur Stadt sehr stark unterspült kaum passierbar ist. Der erste Schulbesuch steht für uns an und aufgrund dieser starken Regenfälle gestaltet sich die Anfahrt mit einem erheblichen Umweg und einer fast zweistündigen Autofahrt. Viele Wege sind im Ergebnis unpassierbarer Flüsse einfach nicht mehr befahrbar.
Der Besuch der Chemichemi Secondary School wird zu einem besonderen Erlebnis: Eine „Commissioning“, die Einweihung eines Wassertanks, steht bevor. Schon beim Näherkommen zum Schulgelände hören wir Gesänge, die mitreißen. „Karibu“ wird hier gelebt: Nach einem Gebet folgen die Rede des Direktors, Beiträge von Vertreterinnen und Vertretern von ADSEastern, der lokalen Partnerorganisation von Wasser für Kenia e. V., Worte der Dankbarkeit von Eltern sowie ein Beitrag aus unserer Gruppe. Anschließend werden Geschenke ausgetauscht.
Uns fällt auf, dass Kinder und Erwachsene dick eingehüllt in Winterjacken und Mützen unterwegs sind. „Es ist einfach noch kalt“, erklärt uns Mary, die selbst friert. Das Thermometer im Auto zeigt um 10 Uhr morgens 23 °C. „Es ist eben Regenzeit“, ergänzt sie.
Auch an den folgenden Tagen, an denen wir acht weitere, diesmal Primary Schools (Grundschulen, die in Kenia bis zur 9. Klasse reichen) besuchen, werden wir stets mit Gebeten, Tanz, Gesang und einem obligatorischen Eintrag ins Gästebuch empfangen. Immer wieder staunen wir darüber, wie herzlich und fröhlich wir von den Schulgemeinschaften aufgenommen werden. Neben dieser Herzlichkeit fällt uns auf, dass jede Schule ein eigenes Motto trägt, etwa „Knowledge is power“ oder „Strive for excellence“.
Das Schuljahr beginnt in Kenia im Januar. Zeugnisse basieren auf sogenannten „Final Exams“. Der Unterricht ist häufig stark durch Frontalunterricht und Diktate geprägt. Schuluniformen, die oft innerhalb der Familien weitergegeben werden, unterstreichen diesen strukturierten Rahmen.
Wir haben Fragen und Fotos von deutschen Schülerinnen und Schülern im Gepäck. Die kenianischen Kinder freuen sich sehr über diesen Einblick in unseren Schulalltag. Bei den Gesprächen zeigt sich schnell, dass ein Thema viele verbindet: Fußball und Sport. Unsere mitgebrachten Geschenke, Fußbälle und Volleybälle, kommen daher besonders gut an und werden mit Lehrkräften und Kindern sofort bespielt. Hier, wie überall auf der Welt, funktioniert dann Verständigung ganz einfach verbindend – ohne große Worte.
Wasser für Kenia
An den Schulen besuchen wir die Wassertanks, Schulküchen und Farmponds (zur Bewässerung der Schulgärten), die mithilfe der Spenden von Schulen über den Verein Wasser für Kenia e. V. in Zusammenarbeit mit ADSE, Wasserbauingenieuren und den kenianischen Schuleltern realisiert wurden. Während der kurzen Regenzeit wird das Regenwasser von den großen Schuldächern gesammelt und in Wassertanks für die lange Trockenzeit gespeichert.
So können insbesondere die Schulmädchen am Unterricht teilnehmen, anstatt, wie traditionell üblich, weite Wege zurücklegen zu müssen, um Wasser zu holen. Das Engagement der Schülerinnen und Schüler aus niedersächsischen Schulen ermöglicht somit im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ Bildung für Mädchen und Zugang zu sauberem Wasser für die gesamte Schulgemeinschaft in den besuchten Schulen in Kenia.
Im direkten Kontakt erleben wir die große Dankbarkeit. Für die Kinder in Kenia sind drei Grundpfeiler überlebenswichtig: 1. Wasser, 2. Nahrung, 3. Bildung. Auch in ihren immer wieder dargebotenen Tänzen, Gedichten und Liedern unterstreichen sie die immense Bedeutung dieser lebenswichtigen Ressourcen.
Uns wird bewusst, dass die Hilfe unserer und anderer niedersächsischer Schulen über den Verein Wasser für Kenia e. V. tatsächlich ankommt und wertgeschätzt wird. Auf einer Autofahrt fragt uns Mary, wie die Trinkwasserversorgung in Deutschland funktioniert. Als wir berichten, dass Wasser einfach immer nur aus der Leitung kommt, ist sie fassungslos, besonders darüber, dass wir damit duschen, baden und abwaschen. Diese Selbstverständlichkeit erfüllt uns mit großer Demut.
Gleichzeitig beschäftigt uns, dass wir nur an einer Schule erlebt haben, dass Kinder ein Mittagessen erhalten. An allen anderen Schulen wurde ausschließlich für die Lehrkräfte gekocht. Auch die Schulwege geben Anlass zum Nachdenken: Viele Kinder laufen täglich bis zu eineinhalb Stunden zur Schule. Oft ist ihr Schuhwerk stark abgenutzt oder gar nicht vorhanden. Hinzu kommt ein ernstes Problem durch Insekten, die ihre Eier in die Füße der Kinder legen, was das Laufen erschwert und Krankheiten verursacht.
Auch grundlegende Alltagsgegenstände fehlen häufig: Zähne werden nicht mit Zahnbürsten, sondern mit kleinen Ästen gereinigt, und die Haare der Kinder sind meist kurz geschoren, da Wasser für die Körperpflege in den Haushalten knapp ist.
Von Wote zum Amboseli-Nationalpark
Wir verlassen nach einer Woche Wote Richtung Süden und begegnen immer wieder großen Ansammlungen von Müll. Dabei hat die kenianische Regierung bereits 2017 ein Verbot von Plastiktüten eingeführt. Verstöße können mit Strafen von bis zu 33.000 Euro geahndet werden. Dieses Verbot ist eine Reaktion auf die massiven Umweltprobleme durch Plastikmüll. In den Nationalparks wird verstärkt darauf geachtet, Besucher über die Folgen von Müll aufzuklären, etwa durch Informationstafeln.
Je näher wir dem Amboseli-Nationalpark kommen, desto imposanter erhebt sich der Kilimandscharo. Als höchster freistehender Berg der Welt (5.895 m) verleiht er jeder Szene, ob mit Elefanten, Zebras oder Giraffen, eine besondere Wirkung. Auch auf dem Weg zum Tsavo-West-Nationalpark bleibt er lange sichtbar. Die Regionen Tsavo Ost und Taita Hills zeigen sich ungewohnt grün – das Bild einer trockenen, gelb-braunen Savanne scheint in diesem Moment kaum vorstellbar.
In Buchuma, zwischen Tsavo Ost und West, trennen sich schließlich unsere Wege. Ein Kollege reist mit dem Zug zurück nach Nairobi, während die anderen beiden weiter zum Indischen Ozean fahren.
Je näher wir der Küste kommen, desto höher werden die Gebäude, und der Tourismus wird zunehmend sichtbar. Besonders auffällig sind die zahlreichen Tuk-Tuks, in der Metropolregion Mombasa soll es bis zu 15.000 geben, teilweise bereits solarbetrieben. Auch die Straßen zeigen starke Gegensätze: Moderne Abschnitte wechseln sich mit großen Schlaglöchern ab. Die neueren Straßen wurden vielfach von chinesischen Firmen gebaut, von Einheimischen teils spöttisch als „Plastic Roads“ bezeichnet.
Mombasa selbst empfängt Besucher mit den berühmten Elefantenstoßzähnen, die als Wahrzeichen die Moi Avenue überspannen. Sie wurden 1952 als Willkommenssymbol für die damalige britische Thronfolgerin Elizabeth II. errichtet. Im nahegelegenen Uhuru Garden leben tausende Fledermäuse – ein eindrucksvoller Kontrast zwischen Natur und urbanem Raum.
In der Altstadt von Mombasa befinden sich Gewürz- und Textilmärkte, und viele Gebäude erinnern an die Kolonialzeit. Auffällig sind die mit Kreide markierten Haustüren: Diese Zeichen geben Auskunft darüber, ob in den vergangenen drei Jahren Kinder unter fünf Jahren im Haushalt geimpft wurden. Standardimpfungen wie gegen Tetanus und Polio sind kostenlos.
Die zweitgrößte Stadt Kenias überrascht mit einer Mischung aus modernen Gebäuden und historischen Bauten. Mitten in der Stadt liegen ein Golfplatz, Regierungsgebäude und Wohnhäuser entlang der Küste. Der Stadtkern ist über eine Brücke im Norden sowie durch Fährverbindungen im Süden angebunden.
Die Fährüberfahrt macht die Gegensätze besonders deutlich: Alle 15 Minuten legt eine Fähre ab, die neben etwa 15 Autos bis zu 1.000 Personen transportiert. Am anderen Ufer angekommen, zeigt sich eine völlig andere Realität, geprägt von Armut und schwierigen Lebensbedingungen.
China in Afrika – mit der Bahn nach Nairobi
Im einstigen Bestreben der kolonialen Erschließung Ostafrikas durch die Briten im Wettlauf mit den anderen konkurrierenden europäischen Großmächten entstand im Jahr 1896 das ehrgeizige Vorhaben, vom Indischen Ozean eine Eisenbahn bis in das Innere des Kontinents zu führen. Der Bau der sogenannten Uganda-Bahn wurde noch im gleichen Jahr begonnen – ein Vorhaben, das auch die Bezeichnung Lunatic Line („Strecke des Irrsinns“) erhielt. 1904 erreichte der Eisenbahnbau den Victoriasee.
Mehr als ein Jahrhundert später wurde in derselben Region erneut ein großes Infrastrukturprojekt umgesetzt: die Bahnverbindung zwischen Mombasa und Nairobi. Zwischen 2013 und 2017 entstand eine 472 Kilometer lange, eingleisige Strecke in Normalspur. Rund 25.000 Kenianer waren am Bau beteiligt. Finanziert wurde das Projekt zu 90 % von der chinesischen Export-Import-Bank, während Kenia 10 % übernahm.
Die Strecke überwindet 1.661 Höhenmeter und ist nicht elektrifiziert. Besonders im Bereich der Nationalparks Tsavo East und West wurde sie eingezäunt, mit Unterführungen für Wildtiere. Große Teile verlaufen auf Dämmen oder aufgeständerten Trassen, um eine möglichst geradlinige Streckenführung zu gewährleisten.
Am Bahnhof von Voi erlebt man einen abrupten Kontrast: Die Natur der Savanne weicht einer streng organisierten, sauberen und stark kontrollierten Infrastruktur. Mehrfache Sicherheitskontrollen, Videoüberwachung und klare Abläufe erinnern stark an China – „China in Afrika“.
Pünktlich um 9:55 Uhr verlässt der Zug den Bahnhof. Mit einem Tempo von maximal 110 km/h fährt er lange Zeit parallel zur stark befahrenen und unfallträchtigen Mombasa-Road, einer wichtigen Transportachse Richtung Uganda und dem Kongo. Der Ausbau der Straßeninfrastruktur bleibt hier eine große Herausforderung für die Zukunft.
Nach viereinhalb Stunden Fahrt und fünf Stationen erreicht man Nairobi Terminus. Auch dort prägen von China gebaute, aufgeständerte und mautpflichtige Stadtautobahnen das Stadtbild.
Die Reise durch Kenia und die Besuche an den Schulen waren für uns mehr als bereichernd. Sie haben eindrücklich vor Augen geführt, wie wertvoll sauberes Wasser, Ernährung und Bildung sind – Grundrechte und -bedürfnisse des Menschen, die für uns selbstverständlich sind, hier in Kenia aber außerordentlich wertgeschätzt werden, weil sie eben nicht alltäglich sind.
Und schließlich heißt es Abschied nehmen. Mit einem letzten „Kwaheri, Kenya!“ – Auf Wiedersehen, Kenia! – treten wir die Heimreise an.
Text & Fotos: Anne Günzl und Dr. Jürgen Gericke. Erschienen in GidS 107, Landesverband Niedersachsen.
Originalartikel als PDFJeder Tropfen Verändert Leben in Kenia
Bereitgestellter Zugang zu 200.000 Litern sauberem Wasser für Gemeinden in Kenia